Tuesday, 16 May 2017

246 | DER WELTEROBERER, DAS HELMPERLHUHN

246


Art. # 246
DER WELTEROBERER

Helmperlhuhn

Text und Foto von Stefan Rust
2014

(In terms of the Geneva Convention the copyright of these texts belong to Stefan Rust)

                                                                               Helmperlhuhn Numida meleagris

6   6   6
Steckbrief

Namen: Numida meleagris (Lateinisch) / Helmeted Guineafowl (Englisch) / Gewone Tarentaal (Afrikaans)

Familie: Perlhühner - Numididae

Verbreitung: Afrika, südlich der Sahara, Marokko

Lebensraum: Offenes Grasland

Größe: 53-63 cm

Gefieder: Dunkles Gefieder wirkt wie mit weißen Perlen bestickt. Nackter Kopf mit hornartigem Aufsatz.

Stimme: Gackerndes kek, kek, kek, kek, kaaaaaa ka ka ka

Nest: Eine einfache, spärlich ausgepolsterte Bodenmulde.

Brutzeit: Januar – März

Nahrung: Wurzelknollen, Beeren, Samen, Insekten und Weichtiere

6   6   6

Perlhühner sind eine Familie der Hühnervögel (Galliformes), vier Gattungen mit insgesamt sechs Arten beinhaltend. Die Stammform aller Hausperlhühner ist die Form Numida meleagris (Helmperlhuhn)
Das Helmperlhuhn Numida meleagris gilt als der bekannteste Vertreter der Perlhuhnfamilie. Auch ist das Helmperluhun die einzige Art der Gattung Numida. Das natürliche Verbreitungsgebiet der Perlhühner umfasst Afrika, südlich der Sahara, ausgenommen Regenwälder und völlig vegetationslose Wüsten. Mit einer Häufigkeit von wahrscheinlich mehr als einer Million Vögeln gilt diese Art als nicht gefährdet. Nur die in einem kleinen Gebiet im Nordwesten Marokkos isoliert lebende Unterart Numida meleagris sabyi ist möglicherweise ausgestorben. Es besteht allerdings die Hoffnung, dass das N. m. sabyi noch im Mittleren Atlas zu finden ist.

Diese gesellig lebenden Vögel können gelegentlich aus über 1 000 Tiere bestehende Völker bilden. Angetrieben durch die benötigte riesige Futtermenge eines solch großen Volkes, legen sie tagsüber mehrere Kilometer Wanderungen am Boden zurück.
Obwohl Helmperlhühner sich gerne in großen Gruppen aufhalten, leben sie in der Paarungszeit in Einehe. Mit Gelegen von 6-15 Eiern ist es nicht verwunderlich dass das Helmperlhuhn häufig mit Fruchtbarkeit assoziiert wird.
In Ghana wurden zu Beginn des Jahres Perlhuhn Eier in Reinigungsritualen verwendet um Ackerkulturen und den Staat zu segnen. Beim westafrikanischen Hausa Volk war es Brauch, Perlhuhn Eier an der Haustür eines Brautpaares als Glücksbringer zu zerschlagen. Auch konnte eine einsame Frau ihren abwegigen Ehemann zurück beschwören indem sie ein Perlhuhn Ei auf das Hausdach platzierte.
Perlhühner haben eine mystische Bedeutung in den Ritualen im Norden Ghanas. Sie werden in den traditionellen Religionen als Orakel gebraucht. Verendet das geköpfte Huhn auf dem Bauch, bedeutet es „Ja“ auf eine Frage oder Entscheidung. Verendet es auf dem Rücken, heißt das Orakel „Nein“.
Die bantusprachigen Mbukushu Afrikas schrieben den Federn der Perlhühner (nkanga; Numida meleagris) und Waffenkiebitzen (kakurekure; Vanellus armatus) eine magisch- zerstörerische Kraft zu. Fallen Federn von diesen Vögeln ins Herdfeuer, so entstehe Zwietracht zwischen den Eheleuten. Der Ruf der beiden Vögel wurde als hochmütig und geschwätzig bezeichnet. Jemand konnte absichtlich Federn der genannten Vögel in das Herdfeuer eines fremden Haushaltes werfen, um die Ehe des Eigentümers zu entzweien und so den begehrten Partner leichter für sich gewinnen zu können.

In Afrika dienten Perlhühner schon seit Ewigkeiten als Fleischlieferanten. Das dunkle Fleisch des domestizierten Perlhuhns gilt als Delikatesse und ist zart, saftig und erinnert im Geschmack an Fasan. Wildlebende Perlhühner hingegen sind scheu und ihr Fleisch ist im Gegensatz zu dem des domestizierten europäischen Tieres recht zäh. Dies wird durch folgende Jägerlatein Geschichte bekräftigt:
Um ein scheues Perlhuhn zu fangen legt man eine Mischung aus Maiskörnern und Pfeffer vor einen Stein aus. Das hungrige Perlhuhn pickt gierig die Maiskörner auf wobei es wegen des Pfeffers niesen muss und sich dabei den Kopf auf den Stein aufschlägt. Von der Wucht des Aufpralls ist es sofort tot. Dann nehme man das gerupfte und ausgenommene Perlhuhn und tue es in einen mit Wasser gefüllten gusseisernen Dreifusstopf, füge einen Backstein hinzu und entfache unter dem Topf ein Feuer. Drei Tage lang lasse man das Perlhuhn im Wasser kochen, fülle von Zeit zu Zeit das verdampfte Wasser nach und lege nach Bedarf Holz ins Feuer. Am dritten Tag nehme man den Topf vom Feuer, gieße das Wasser ab, hole das zähe Perlhuhn raus und schmeiße es weg und verzehre den zarten Backstein der etwas von dem Perlhuhngeschmack abbekommen hat.
Die bantusprachigen Mbukushu fingen Perlhühner mit einer kleinen Ausgabe des Schwippgalgens, als rutenda beziehungsweise kashaka bezeichnet. Sie bestand aus einem Kranz von Holzpflöcken, die etwa 10 cm aus dem Boden ragten. Am oberen Teil der Pflöcke lag die Schlinge. Die mit dem Spannseil verbundene, labile Auslösevorrichtung wurde durch einen kleinen Hirse- oder Maiskolben gestützt. Bei der Berührung des Köders (oder eines Stöckchens, an dessen Grund Nüsse oder Körner liegen) hakte ein Knebel aus, das Spannseil schnellte hoch und zog die Schlinge um den Hals des Vogels zu.

Durch den Menschen sind Perlhühner aus Westafrika heute in zahlreichen Regionen der Erde heimisch geworden. Dabei handelt es sich vor allem um verwilderte Hausperlhühner. Selbst auf den Kapverden, auf vielen karibischen Inseln, auf der Arabischen Halbinsel und auf Madagaskar gibt es sie.
Das Perlhuhn gilt als eine der ersten Vogelarten die domestiziert wurden und es wird vermutet dass die Domestikation in Ägypten ihren Anfang nahm. Die Altägypter hielten Perlhühner als Hausgeflügel mindestens 1 500 Jahre bevor sie das Mittelmeer überquerten. Ein Deut dass das Perlhuhn von jenseits der ägyptischen Grenze kam sind einige bemerkenswerte Perlhuhn Bilder aus pharaonischer Zeit und eine bekannte vor etwa 1 900 Jahren vor Christus in Stein geschnitzte Hieroglyphe an Tempelwänden an denen auch andere exotische Tiere und Pflanzen abgebildet sind. Noch bevor das Haushuhn in Europa bekannt wurde, hielten auch die Phönizier Perlhühner.
Die ersten erfolgreichen Domestizierungsversuche in Europa fanden wahrscheinlich bereits im alten Griechenland statt. Vor mehr als 4 000 Jahren wurden sie schon zu Zeiten des Aristoteles in Griechenland gezüchtet.
Bei den Griechen hieß das Perlhuhn ursprünglich Meleagris, abgeleitet von dem griechischen Sagenhelden Meleagros. Heute noch lautet der wissenschaftliche Name des Helmperlhuhns Numidia meleagris. Laut einer griechischen Sage beteiligte sich Meleagros, ein junger heldenhafter Prinz, an einer Jagd auf einen von der Göttin Artemis beauftragten monströsen Eber, Kalydonien, das Königreich des Vaters von Meleagros, zu terrorisieren. Nach der erfolgreichen Jagd kam es zu Streitigkeiten zwischen Meleagros und zwei seiner Onkel und es führte zum Tode dieser. Auch Meleagros erlag einer Verletzung am Oberschenkel. Seine verzweifelte Mutter, Althaia, welche ihre beiden Brüder und eigenen Sohn verlor, richtete sich darauf selbst. Die untröstlichen Schwestern von Meleagros, Deianira (Herkules Frau) und Gorge, wurden vorübergehend von den Göttern in Perlhühner verwandelt und man sagt, die Punkte auf dem Gefieder sind die aus Trauer um den verstorbenen Bruder vergossenen Tränen.
Die alten Griechen domestizierten Perlhühner nicht nur, sondern stellten sie in ihren Gärten und Volieren prominent zur Schau und betrachteten sie als eine Delikatesse.

Die Römer erlangten ihre Perlhühner von der rotlappigen Rasse Numida meleagris sabyi aus Numidien und domestizierten diese, hielten sie als Prunkstücke in Gärten und Volieren und im Römischen Reich galt es als eine besondere Delikatesse.
Der wissenschaftliche Gattungsname Numididae stammt von Numidien, heute bekannt als Algier in Marokko, da die Römer dachten das sei die Heimatregion des Perlhuhns. Schon alleine wegen dieser Namensherkunft ist es umso bedauerlicher dass Perlhühner in Marokko wahrscheinlich ausgestorben sind.
Die Römer verbreiteten das Perlhuhn in ganz Europa. Mit dem Fall des Römischen Reiches jedoch, verschwanden Perlhühner aus Nord- und Westeuropa.

Erst im 15. Jahrhundert wurde, mit der Suche nach Gold und Sklaven entlang der Westküste Afrikas, das Perlhuhn von europäischen Händlern wiederentdeckt. Diesmal handelte es sich um die blaulappige Rasse Numida meleagris galeata (Helmperlhuhn).
Kurz nach der Ankunft des Helmperlhuhns in Großbritannien im frühen 16. Jahrhundert brachten transatlantische Seefahrer eine weitere Haustierart aus Amerika nach Großbritannien. Beim Letzteren handelt es sich um einen Vogel der in den Gassen von Tenochtitlan, der glitzernden Hauptstadt des prä-kolumbianischen Mexiko, herumstolzierte, und schließlich alle anderen Hausvögel Europas, außer Huhn und Gans, in den Schatten stellte, dem Truthahn (Pute). Aber mit dieser ersten Ankunft in Tudor, Britannien, kam es im englischen zu einer verworrenen Namensverwechslung. Diese Verwirrung kam folgendermaßen zustande. Der frühere englische Name des Perlhuhns war Turkey (Türkei), möglicherweise weil dieser Name deren exotische Herkunft (irrelevant woher) bezeichnet oder vielleicht weil einige Perlhühner tatsächlich über die Türkei nach Großbritannien gelangten. Da das Perlhuhn und der Truthahn so eng aufeinander folgend in Britannien eintrafen, wurden beide Arten im englischen mit Turkey bezeichnet. Erst mit der Zeit prägte sich die für das Perlhuhn treffendere englische Bezeichnung Guineafowl, obwohl es ursprünglich Turkey hieß, und für den Truthahn die Bezeichnung Turkey. Man fragt sich wie viele Engländer und Amerikaner sich am 25. Dezember zum Thanksgiving, zum traditionellen Truthahn Essen, über diese merkwürdige ehemalige Namensverwirrung Gedanken machen.
Es gibt noch einen zufälligen linguistischen Zusatz zum englischen Namen Guineafowl. Die Guinea Region von Afrika war die Quelle des Edelmetalls aus dem die in Großbritannien benutzten goldenen Guineas gestanzt wurden, und diese Mehrfachverbände wurden in den Begriff ‚guinea-hen’, Prostituierte, komprimiert. Diese mundartliche Verwendung erscheint auch in Shakespears Spiel Othelo (Akt 1, Szene 3), wo Jago, der teuflische Genie des Stücks, seinen Freund Roderigo für dessen sklavische Bindung zu Desdemona herunterputzt: „Ere I would say I would drown myself for the love of a guinea-hen, I would change my humanity with a baboon.“ (Bevor ich sage dass ich mich wegen einer Liebe mit einer Prostituierten (guinea-hen) ertränken würde, würde ich mein Menschsein mit einem Affen tauschen.)

Die europäischen Zuchtstämme der rotlappigen Rasse aus der Antike gingen immer mehr verloren und der Siegeszug des Helmperlhuhns in domestizierter Form, nicht nur in Europa sondern weltweit, war nicht mehr aufzuhalten. Die Haltung des Perlhuhns als Nutzgeflügel begann in Frankreich bereits im 16. Jahrhundert, in Großbritannien, Tschechien und Deutschland ab dem 18. Jahrhundert. Ab dem 18. Jahrhundert wurde das Helmperlhuhn auch ausgesetzt und war in Ungarn und Deutschland zeitweise sogar etabliert. Noch in den 1950er Jahren stattfindende Auswilderungsaktionen wie beispielsweise in Baden-Württemberg waren nicht erfolgreich. Im Zeitraum 1998 bis 2000 gab es in den Niederlanden einzelne wildlebende Paare, jedoch ohne Brutnachweise.
Mit 50 Millionen Perlhühnern pro Jahr gilt Frankreich heute als der weltgrößte Perlhuhnproduzent. Als bedeutendes Erzeuger- und Exportland von Perlhühnern ist auch Italien zu nennen.

Die deutsche Bezeichnung beruht auf den vielen weißen Punkten die das dunkle Gefieder schmücken. Dieses weiß gepunktete Gefieder faszinierte den Menschen schon immer und wurde häufig als Schmuck verwendet. Noch heute sind diese schmucken Federn nicht selten als Dekoration an insbesondere Safarihüten anzufinden.
Auch die Europäer blieben von der Faszination der Perlhuhnfeder nicht verschont. Es führte sogar dazu, dass der bekannte deutsche Dichter, Christian Morgenstern (1871 – 1914), ein Gedicht über das Perlhuhn und seine Federn geschrieben hat:

Das Perlhuhn

Das Perlhuhn zählt: eins, zwei, drei, vier...
Was zählt es wohl, das gute Tier,
dort unter den dunklen Erlen?
Es zählt, von Wissensdrang gejückt,
(die es sowohl wie uns entzückt):
die Anzahl seiner Perlen.

Das Perlhuhn, einst berühmt als Orakel, für seine Federn, sein Fleisch, als Fruchtbarkeitssymbol, in der griechischen Sage von Meleager, wird heute weltweit gern als Hausgeflügel gehalten, nicht nur des Fleisches halber, sondern auch als Wächter und sie sind zur Plagenbekämpfung nützlich. Sie fangen laut an zu gackern wenn Gefahr im Anzug ist und sind sogar imstande Schlangen zu verscheuchen. Zu ihrer Hauptnahrung gehören unter anderem Käfer, Raupen, Schnecken, Zecken und Spinnen welche den Landwirten in unkontrollierten Mengen zum Bedrängnis werden können.

6   6   6

No comments:

Post a Comment